D E N K M A L B E S C H R E I B U N G - U N D  B E G R Ü N D U N G

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Rheinland von den Alliierten besetzt. Die Stadt Krefeld gehörte zu den belgisch besetzten Gebieten. Schon im Dezember 1919 kamen die ersten Besatzungstruppen in Krefeld an.

Die Mannschaften wurden zunächst in Schulen untergebracht, während die Offiziere "Bürgerquartiere" in Anspruch nahmen. In den besetzten Gebieten verschärfte sich die ohnehin schon große Wohnungsnot durch die Anforderungen, die von der Besatzung hinsichtlich der Unterbringung gestellt wurden. In Krefeld mussten etwa 500 neue Wohnungen für die Besatzung und ihre Angehörigen zur Verfügung gestellt werden.

Die Kosten und den Bau der Wohnungen übernahm das Deutsche Reich (Reichsvermögensamt). Von Oktober 1919 bis Februar 1927 entstanden in Krefeld sogenannte "Reichsneubauten für die fremdländische Besatzung". Einige dieser Reichsneubauten bestimmen noch heute das Straßenbild der Stadt. Die Planung und Bauleitung der Wohnhäuser wurden Krefelder Architekten übertragen.

Ab 1921 konnten zunächst die belgischen Offiziere ihre neuen Wohnhäuser "Am Hohen Haus" beziehen. Hauptverantwortlich für diesen Straßenzug waren die Architekten Prof. August Biebricher und Peter Frank.

Die Siedlung zwischen der Westparkstraße, Von-Steuben-Straße, der Tenderingstraße und dem Neuer Weg, besteht aus einer nahezu geschlossenen Straßenrandbebauung. Hier befinden sich zweistöckige Zwei- bis Vierfamilienhäuser. In Ihrer überwiegend neoklassizistischen Gestaltung stellen sie einen Außenseiterprojekt im Krefelder Siedlungsbau dar. Maßgeblich beteiligt an dieser Baugruppe war der Architekt Franz Lorscheidt.

 

Die mehrfache Umbenennung der heutigen Westparkstraße steht auch im unmittelbaren Zusammenhang mit der Errichtung der Häuser für die belgische Besatzung. Die Straße war 1906-1919 nach dem hochrangigen preussischen Militär Moritz Ferdinand von Bissing, als Bissingstraße benannt worden. Da von Bissing maßgeblich an der Teilung Belgiens mit dem Ziel der teilweisen Einvernahme der flämischen Gebiete in das deutsche Reich, beteiligt war, musste hier kurzfristig eine Neubenennung erfolgen. Man entschied sich gerade auch in der Besatzungszeit weiterhin für militärische Vorbilder für die Straßenbenennung. Im Fall der Bissingstraße fiel die Wahl für die Umbenennung auf die Hindenburgstraße. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde auch Hindenburg als Namensgeber für Straßen und Plätze entfernt. Die bis heute gültige Benennung weist seitdem lediglich auf die Verbindung der Innenstadt mit dem Westpark, der nördlich des Birkenschenwegs lag, hin. (vgl. Stadt Krefeld, Schild-Bürger und Ihre Vorgänger, Krefeld, 2012)

 

Die Bebauung an der Westparkstraße mit einer Siedlung für de belgische Besatzung nimmt städtebaulich die großzügige aber geschlossene zweigeschossige Bebauung, traufständig zur Westparkstraße auf. Die Gebäude Westparkstraße 61-65 wirken wie ein Geschosswohnungsbau, dabei handelt es sich ursprünglich um drei große Einfamilienhäuser, die hochwertig ausgestattet, angemessenen Wohnraum für belgische Militärs im Offiziersrang bieten sollten.

 

Der achsial gegliederte Baukörper ist symmetrisch in Abschnitte unterteilt. Von 16 Achsen sind zwei für die Eingangsrisalite überhöht. Die hier verorteten Eingangsöffnungen mit kräftig konsolgestützter Verdachung durchdringen sowohl den Sockel als auch die Traufe und sind mit einem eingezogenen Dreiecks-Ziergiebel ohne Gebälk bekrönt. In der ansonsten streng orthogonal geprägten Fassade fällt dem Rundbogenfenster im Ziergiebel mit der radialen Sprossenteilung besonderes gestalterisches Gewicht zu. Das Motiv wiederholt sich im Inneren des Hauses bei den Wohnungszugängen vom Treppenhaus.

Die Straßenfassade zeigt eine strenge neoklassizistische Teilung mit überhöhten Erdgeschossöffnungen, normalformatigen stehenden Obergeschossöffnungen und eher gedrungen wirkenden Gauben im Mansard-Dachgeschoss. Die Erdgeschossöffnungen sind mit konsolgestützten Verdachungsgesimsen und überhöhten Schlußsteinen auf dem Türsturz versehen. Die Obergeschossöffnungen haben lediglich profilierte Laibungen. Die zum Teil noch original erhaltenen Fenster sind hochwertige Tischlerarbeiten, kreuzgeteilt mit Stulp und bauzeitlich typischer halbrunder Schlagleiste und gesimsähnlich profiliertem Kämpfer und Kneiffalzen. Im Endhaus (Haus Nr. 65) ist durch den Rücksprung der Fassade, der städtebaulich die Einmündung zu Neuer Weg fasst, die Treppe zur Überwindung des Sockels nach außen verlegt. Die Treppenwange ist mit einer Viertelkreis-Fächerrosette aus Stahl als Geländer bekrönt.

 

Die rückwärtige Fassade zum Garten ist ursprünglich vielgestaltig durch erdgeschossig einseitig pfeilergestützte Loggien, Terrassen mit Treppen, die in die Gärten führen und im Obergeschoss durch eingeschnittene Loggien gegliedert und ermöglichen den Aufenthalt der Bewohner im Freien mit unterschiedlichen Graden an Privatheit.

Die Treppen im Haus sind aus Holz mit verschiedenen vielgestaltigen, in Ansätzen auch an Art-deco-Formen erinnernden Holzfüllungen und Stäben der Geländer geschmückt. Verkröpfte Anfänger Treppenpfosten werten die in Breite und Stufenmaß großzügigen Treppen zusätzlich auf.

Das Motiv der Fensterverdachung als konsolgestütztes Gesims, das in der Fassade in Stuck aufgeführt ist, findet sich im Inneren als wiederkehrendes Motiv als Tischlerarbeit in Holz über den Türlaibungen wieder.

Die Geschossdecken sind bereits für die Bauzeit neuzeitlich als bewehrte Stahlbetondecken ausgeführt. Zur dekorativen Unterteilung einzelner großzügiger Wohnräume, sind einige Decken mit reich profilierten kräftig dimensionierten Stuckbalken geschmückt.

In einigen Räumen sind noch Stuckrosetten vorhanden. Diese sind zeittypisch sehr flach angetragen und von vier- und achteckigen Plaketten gerahmt und mit graphischen, schon der aufkommenden Moderne zugewandten Mustern und Texturen ausgearbeitet.

 

Die Häuser Westparkstraße 61-65 sind als zusammengehörige Reihenhausanlage Zeugnis für die Geschichte des Menschen als Zeugnis für die Erstbebauung hochrangige Militärs der belgischen Besatzungsmacht in der Zwischenkriegszeit. Sie sind Bestandteil einer Siedlung zwischen Neuer Weg, Tendering-, Von Steuben- und Westparkstraße errichteten Husarenkaserne.

Für die Erhaltung der Gebäude liegen architekturgeschichtliche, stadtgeschichtliche und städtebauliche Gründe vor.

Obwohl die Baumaßnahme vom deutschen Reich initiiert und bezahlt wurde, wurde auf die regionale Bautradition zurückgegriffen und für die Stadt Krefeld exemplarische Architektur für besser gestellte Kreise mit großzügigen Grundrissen, trotzdem flächensparend als Reihenhäuser entworfen. Für die Vorhaben wurden die zur Zeit der Auftragsvergabe ambitionierten Architekten der Stadt beauftragt. Der für das Vorhaben Westparkstraße 61-65 wahrscheinlich verantwortliche Architekt Franz Lorscheidt, hat an der Hüttenallee und an der Moltkestraße bereits herausragende Architektur verantwortet.

 

Die Architektur an der Westparkstraße zeigt bereits erste deutliche Merkmale des Übergangs vom Historismus zur Moderne. Die strenge Gliederung der Fassaden ist noch der alten Tradition verhaftet, die Bauteile sind jedoch bereits in ihrer Ausladung und im Grad der Ausschmückung reduziert- Stuck ist nicht mehr floral sondern bereits graphisch motiviert, Schlagleisten von Fenstern nicht mehr dem antiken Pfeiler entlehnt, sondern es sind vereinfachte Formen gewählt, die die Proportionen in den Vordergrund stellen und stützen, Brüstungsfelder werden zum Teil nur noch angedeutet, bleiben aber gänzlich ohne Schmuckwerk, Brüstungsgeländer werden aufwendig dekorativ geformt, aber vorher übliche zusätzliche Verleistungen und Tiefengliederungen weggelassen.

 

Die Gebäude Westparkstraße 61-65 haben als Randbebauung eine begonnene, geplante Bebauung der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sinnfällig weitergebaut, Einmündungen durch Rücksprünge und eingefriedete Vorgärten vermittelt und im Höhenprofil und der Baukörperaufteilung auf sensible Art und Weise Maß gehalten und sich trotz eigener Formensprache im besten Sinne eingefügt.

 

Die belgische Besatzung war für die Stadt Krefeld in der Zwischenkriegszeit eine einschneidende Entwicklung, hat jedoch im Rückblick für die Entwicklung der städtischen Wohnarchitektur wertvolle und noch heute deutlich lesbare Spuren hinterlassen. Die Zwischenphase zwischen Historismus und Moderne ist nicht bloßer Lückenfüller, sondern zeigen an den Gebäuden Westparkstraße 61-65 eine eigenständige in sich schlüssige und abgeschlossene Formensprache der Architektur.